
"Gehen wir singend und kämpfend voran,“ schreibt Papst Franziskus am Ende seiner Enzyklika „Laudato si‘“ über unsere Sorge um die Schöpfung (LS 244). Das Rundschreiben bleibt ein Leitfaden für die soziale und ökologische Schieflage der Welt. Es bietet eine umfassende Diagnose und Therapievorschläge auf allen Ebenen: ökopraktisch, politisch, wirtschaftlich, spirituell. „Kämpfen“ ist nicht militant zu verstehen, sondern meint den Einsatz aller Kräfte, Erkenntnisse und Fähigkeiten, damit unsere Welt und unsere Nachkommen in ihr eine gute Zukunft haben. Singen bewahrt vor Resignation und vor verbissener Selbstüberschätzung. Singen können Menschen, die berührt werden vom Schönen in der Welt, die dankbar sind für die Früchte der Schöpfung und die staunen über die Spuren des Schöpfers in ihr.
Papst Franziskus benennt seine Mitwelt-Enzyklika nach einem Lied seines Vorbildes aus Assisi. Sie beginnt mit Versen des Sonnengesangs und endet betend. Wie spricht ein Mystiker, der vor genau 800 Jahren starb, in unserer modernen Zeit? Der Papst antwortet mit einem wunderbaren Satz (LS 10): „Franz ermutigt auch heute mit seiner Gottesfreundschaft, seiner Menschenliebe, seiner Schöpfungsliebe und seiner Selbstsorge. Der Vierklang einer Liebe, die innig mit Gott, Mitmenschen und Schöpfung verbindet und die zugleich auch mir selbst gilt, ist ein Schlüssel, um das Prophetische an Franz zu verstehen. Seine Lebenskunst ist weltbejahend, ganzheitlich, geschwisterlich und zutiefst mystisch.
“Der Freund Gottes, der zu einer Menschenliebe ohne Grenzen fand und in der Schöpfung sein neues Zuhause entdeckte, würde heute nicht nur staunend singen, sondern auch erschüttert kämpfen: Ökologisch leiden würde Franz an der Ausbeutung der Erde, der Vergiftung der Luft, der Verschwendung von Wasser und dem industriellen Umgang mit Tieren. Sozial betroffen wäre er über Fremdenfeindlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber neuen Formen der Armut und Exklusion in reichen Staaten. Wirtschaftlich inakzeptabel fände er den Hunger und die Armut in einer Welt, in der es genug Nahrung und Güter für ein gutes Leben aller Menschen gibt. Religiös fände er jede Form von Fanatismus, Intoleranz und Gewalt im Namen Gottes unerträglich. Die Religionen der Welt treffen sich denn auch in Assisi regelmäßig, um gemeinsam für eine friedlichere, gerechtere, geschwisterliche und nachhaltige Welt einzutreten. Sie tun es diesen Oktober erneut und zum fünften Mal auf höchster Ebene.
Der erste Biograf fasste die Naturmystik von Bruder Franz in Verse: „Dieser glückliche Wanderer sah die Welt als klaren Spiegel von Gottes Güte. In jedem Kunstwerk lobte er den Künstler. Er erkannte im Schönen den Schönsten selbst. Alles Gute rief ihm zu: ‚Der uns erschaffen hat, ist der Beste‘“ (2 C 165). Papst Franziskus knüpft mit Blick auf unsere Konsumgesellschaft daran an: „Die christliche Spiritualität schlägt ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein.“ - „Man kann wenig benötigen und erfüllt leben, vor allem, wenn man fähig ist, Freude zu entwickeln (...).
Br. Dr. Niklaus Kuster
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