
Tatsächlich bildet die kirchliche Geschichte den Gegenbeweis: Über Jahrhunderte hinweg war die Pfarre St. Martin das unangefochtene geistliche Zentrum der gesamten Gemeinschaft. Hier fanden Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse statt. Konsequenterweise lag auch der Gottesacker als zentraler „Kirchhof“ rund um die Pfarrkirche und diente als letzte Ruhestätte für Verstorbene aus allen vier „Vierteln“.
Die Kirche war jedoch weit mehr als ein seelsorglicher Mittelpunkt; sie war entscheidend für die buchstäbliche Verortung alemannischer Siedlungen. Sobald eine bäuerliche Ansiedlung eine gewisse Größe erreichte, wurden in planmäßigen Abständen Außensiedlungen gegründet. Diese blieben jedoch kirchlich und verwaltungstechnisch stets dem Zentrum unterstellt. In der dreibändigen Stadtgeschichte Dornbirns beschreibt Alois Niederstätter das Phänomen der „wandernden“ Siedlungen, die erst durch den Bau einer Kirche eine dauerhafte räumliche Fixierung erhielten. Kirchturm und Gotteshaus fungierten als weithin sichtbare Wahrzeichen und markierten unmissverständlich die Mitte der Gemeinde.
Bereits vor der ersten Jahrtausendwende stiftete das Kloster St. Gallen die Kirche St. Martin und sicherte sich damit das Recht, den Pfarrherrn zu bestellen. Das Kloster verfügte in Dornbirn noch dazu über einen bedeutenden Güterkomplex, der von einem zentralen Kellhof in der Dorfmitte aus verwaltet wurde. Die Bewirtschaftung von Getreide, Vieh und Wein – als wichtigster Sonderkultur – prägte die lokale Landwirtschaft. Solche Kellhöfe bildeten die wirtschaftlichen Herzkammern des Dorfes. In diesem Umfeld fand zudem ein früher „Wissenstransfer“ statt: Die Mönche aus St. Gallen und ihre Verwalter verfügten über fortschrittliche Kenntnisse in der Agrarkultur und Viehzucht.
Rund um das Dorf
Alte Karten zeigen zwischen den Siedlungskernen vermeintliche Leerräume. Diese Flächen waren jedoch keineswegs ungenutzt, sondern bildeten als „Esche“ (Getreidefelder) die lebensnotwendige Ernährungsgrundlage. Der Segen der Kirche für das Gedeihen von Feldfrüchten und Vieh war für die Bevölkerung wichtig. Bei den jährlichen Flurumgängen zu Christi Himmelfahrt – den sogenannten Öschprozessionen (abgeleitet vom mittelhochdeutschen Begriff „esch“ für Feld) – wurden die Äcker gesegnet.
Diese Bittgänge führten entlang der Feldrandzeichen, die als Wegkreuze oder Bildstöcke die Grenzen markierten. Dort wurden für die Prozessionen Altäre errichtet und Blumenbilder gestaltet.
Zu den bekanntesten dieser Marksteinzeugen zählen das „Gfrörerbild“ (Kreuzung Altweg/Bildgasse), das „Zahnbild“ im Hatlerdorf (Beginn der Schweizerstraße/Wallenmahd), das Pestbild im Oberdorf sowie der Bildstock an der Ecke Haselstauderstraße/Mühlegasse in Haselstauden.
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