
Dominik Toplek, Moderator SR Dornbirn
Der Sommer hat seine eigene Sprache.
Sie ist leiser als die Sprache des Alltags. Sie spricht nicht durch Termine, Aufgaben und To-do-Listen. Sie spricht durch das Zirpen der Grillen, das Rauschen eines Baches, den Duft frisch gemähten Grases oder das Spiel der Wolken am Himmel.
Vielleicht ist der Sommer deshalb eine Einladung zu etwas, das wir im Alltag oft verlernen: einfach da zu sein.
Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt in seinem Buch Vita Contemplativa unsere Zeit als eine Epoche der ständigen Aktivität. Wir sind gewohnt, etwas zu leisten, etwas zu erreichen, etwas zu produzieren. Selbst unsere Freizeit wird häufig geplant, organisiert und optimiert. Doch das Leben besteht aus mehr als Arbeit und Aktivität. Der Mensch braucht auch Zeiten der Untätigkeit – nicht als Mangel, sondern als eigene Form von Reichtum.
Das klingt zunächst ungewohnt. Denn Untätigkeit wird oft mit Faulheit verwechselt. Han meint jedoch etwas anderes. Er spricht von Augenblicken, in denen wir nicht auf ein Ziel hin unterwegs sind, sondern einfach wahrnehmen. Zeiten, in denen wir nicht etwas machen müssen, sondern etwas geschehen lassen.
Gerade der Sommer bietet dafür viele Möglichkeiten.
Vielleicht sitzt du am Abend auf einer Bank und beobachtest, wie langsam die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Vielleicht gehst du spazieren, ohne Schrittzähler, ohne Ziel, ohne Eile. Vielleicht sitzt du am Seeufer und schauen einfach dem Licht auf dem Wasser zu. Vielleicht hörst du dem Regen zu, der auf das Dach fällt. Vielleicht betrachtest du die Flammen eines Lagerfeuers oder die Sterne in einer warmen Sommernacht.
Nichts davon bringt einen messbaren Erfolg hervor. Und doch sind solche Augenblicke oft die kostbarsten.
Viele Menschen erzählen nach einem Urlaub nicht von den Programmpunkten, die sie absolviert haben, sondern von einem besonderen Sonnenaufgang, einer Begegnung, einem Gespräch oder einem Moment der Stille. Es sind jene Augenblicke, in denen das Leben plötzlich Tiefe gewinnt.
Auch die Bibel kennt diese Erfahrung.
Elija begegnet Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im „sanften, leisen Säuseln“ (1 Kön 19,12). Jesus zieht sich immer wieder auf einen Berg oder an einen einsamen Ort zurück. Und Gott selbst schenkt seinem Volk den Sabbat – einen Tag, an dem nicht Leistung, sondern das Dasein im Mittelpunkt steht.
Vielleicht brauchen wir heute gerade diese Erinnerung neu.
Nicht jede Minute muss genutzt werden. Nicht jeder freie Augenblick muss gefüllt werden. Manchmal dürfen wir einfach sitzen und schauen. Manchmal dürfen wir warten. Manchmal dürfen wir schweigen.
Sind Sie interessiert wie es weitergeht? Dann lesen Sie weiter im Dornbirner Pfarrblatt in der digitalen Ausgabe
Noch kein Abo? Dann gleich eines bestellen